Kunst tut gut!

In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie unterschiedlich Menschen auf Farben, Formen und Materialien reagieren. Manche finden über das Zeichnen zu mehr Klarheit, andere entdecken im Malen einen neuen Zugang zu ihren Gefühlen oder erleben das Arbeiten mit Ton als besonders stärkend und erdend. Wie diese verschiedenen künstlerischen Wege in der anthroposophischen Kunsttherapie verstanden werden, möchte ich in diesem Beitrag näher vorstellen.
Wie Zeichnen, Malen und Plastizieren in der anthroposophischen Kunsttherapie wirken können
Viele Menschen verbinden Kunst zunächst mit Kreativität, Ausdruck oder dem Wunsch, etwas Schönes zu gestalten. In der anthroposophischen Kunsttherapie geht es jedoch um noch mehr: Hier steht nicht das fertige Kunstwerk im Mittelpunkt, sondern der Weg, den wir beim Gestalten gehen, und die Wirkung, die dieser Prozess auf uns haben kann.
Jedes künstlerische Medium spricht dabei unterschiedliche Bereiche unseres Menschseins an. Zeichnen, Malen und Plastizieren werden deshalb gezielt eingesetzt, um Denken, Fühlen und Wollen auf verschiedene Weise anzuregen und zu unterstützen.
Zeichnen – wenn Gedanken Form bekommen
Vielleicht kennen Sie das Gefühl, dass die Gedanken kreisen oder alles gleichzeitig auf Sie einströmt. Das Zeichnen kann dabei helfen, wieder mehr Klarheit und innere Ordnung zu finden.
In der anthroposophischen Kunsttherapie arbeiten wir häufig mit Linien, Formen und Bewegungen. Das Zeichnen von Gegenständen und besonders das Formenzeichnen – also das bewusste Gestalten von symmetrischen oder dynamischen Formen – fordert Aufmerksamkeit und Konzentration. Während die Hand einer Linie folgt, entsteht oft auch innerlich mehr Ruhe und Struktur. Die Wahrnehmung wird geschärft.
Viele Menschen erleben das Zeichnen als eine Möglichkeit,
sich besser zu konzentrieren,
den Blick für Zusammenhänge zu schärfen,
innere Ordnung zu finden,
bewusster wahrzunehmen und
gedanklich wieder klarer zu werden.
Es ist erstaunlich, wie eine einfache Linie auf dem Papier dazu beitragen kann, den eigenen Gedanken mehr Richtung zu geben.
Aquarellmalen – die Welt der Farben erleben
Ganz anders wirkt das Malen mit Aquarellfarben. Hier stehen nicht die klaren Konturen im Vordergrund, sondern die Farben selbst.
Farben fließen ineinander, verändern sich und schaffen Stimmungen. Viele Menschen erleben das Aquarellmalen deshalb als besonders wohltuend und entspannend. Es lädt dazu ein, sich weniger über den Verstand und mehr über das unmittelbare Erleben auf den kreativen Prozess einzulassen.
Das Arbeiten mit Farben kann helfen,
Gefühle bewusster wahrzunehmen,
emotionale Beweglichkeit zu fördern,
innere Stimmungen auszudrücken,
zur Ruhe zu kommen und
neue Erfahrungen jenseits von Worten zu machen.
In der anthroposophischen Kunsttherapie wird zudem davon ausgegangen, dass verschiedene Farben unterschiedliche seelische Qualitäten ansprechen. So werden zum Beispiel Blautöne häufig als beruhigend und vertiefend erlebt, während Gelb- und Rottöne Wärme, Lebendigkeit und Aktivität vermitteln können.
Plastizieren mit Ton – mit den Händen gestalten und erleben
Wer schon einmal mit Ton gearbeitet hat, kennt das besondere Gefühl, ein Material direkt mit den Händen zu formen. Der Ton reagiert auf jede Bewegung, bietet Widerstand und lädt gleichzeitig zum Gestalten ein.
Das Plastizieren wird in der anthroposophischen Kunsttherapie besonders mit dem Bereich des Wollens und Handelns in Verbindung gebracht. Während beim Zeichnen und Malen eher Auge und Wahrnehmung im Vordergrund stehen, wird beim Formen von Ton der ganze Mensch aktiv.
Viele Menschen erleben das Plastizieren als
stärkend und stabilisierend,
erdend und beruhigend,
körperlich unmittelbar,
förderlich für Ausdauer und Durchhaltevermögen,
unterstützend für die eigene Handlungsfähigkeit.
Das Arbeiten mit Ton kann helfen, wieder stärker „ins Tun“ zu kommen und die Verbindung zum eigenen Körper bewusster wahrzunehmen.
Jede Übung hat ihre eigene Qualität
Spannend ist, dass in der anthroposophischen Kunsttherapie nicht nur das Material selbst eine Rolle spielt. Auch die Art der Aufgabe wird bewusst gewählt.
Eine dynamische Linienform kann beispielsweise anregend wirken, während eine symmetrische Form eher ausgleichend erlebt wird. Ein Bild in ruhigen Blautönen kann eine andere Stimmung erzeugen als das Arbeiten mit leuchtenden Gelb- oder Rottönen. Ebenso macht es einen Unterschied, ob aus Ton eine geschlossene Kugel oder eine offene, sich entwickelnde Form entsteht.
So entsteht ein sehr individueller therapeutischer Prozess, bei dem Farbe, Form, Material und Bewegung auf die jeweilige Situation abgestimmt werden.
Künstlerisches Schaffen als Weg zu sich selbst
Die anthroposophische Kunsttherapie versteht Zeichnen, Malen und Plastizieren als unterschiedliche Wege, mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Während das Zeichnen vor allem Klarheit und Struktur fördern kann, spricht das Malen stärker die Gefühlswelt an. Das Plastizieren wiederum unterstützt die Erfahrung von Handlungskraft, Erdung und Verkörperung.
Auch wenn nicht alle Wirkungsannahmen der Anthroposophie wissenschaftlich eindeutig belegt sind, zeigen viele Erfahrungen aus der Praxis sowie zahlreiche Studien zur Kunsttherapie allgemein, dass kreatives Gestalten das Wohlbefinden fördern, Stress reduzieren und emotionale Prozesse unterstützen kann.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft der Kunst: Sie eröffnet einen Raum, in dem wir uns selbst auf neue Weise begegnen können – jenseits von Leistungsdruck, Erwartungen und vielen Worten. Sie bietet Freiraum für Selbstentwicklung und Potentialentfaltung.
Hier finden Sie mehr Informationen zur Kunsttherapie: www.atelier-sinneswerk.de