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Die Challenge: Regelmäßiges Kunstschaffen

Für einen Spaziergang, Yoga oder Joggen finden wir heute viele überzeugende Gründe. Wir wissen, dass Bewegung unserem Körper gut tut, dass Entspannung Stress abbaut und regelmäßiges Training unsere Gesundheit fördert.

Doch wann haben Sie sich zuletzt gefragt, welchen Wert regelmäßiges künstlerisches Arbeiten für Ihr Leben haben könnte?

Nicht, um ein Meisterwerk zu schaffen. Nicht, um auszustellen oder zu verkaufen. Sondern einfach als wiederkehrende Praxis im Alltag - ähnlich wie eine Meditation oder das Erlernen eines Instruments.

Viele Menschen betrachten Kunst noch immer als etwas, das vor allem Begabung voraussetzt. Entweder man kann es - oder man kann es nicht. Doch was wäre, wenn künstlerisches Schaffen viel mehr mit Übung als mit Talent zu tun hätte? Was wäre, wenn es uns nicht nur kreativ, sondern zugleich aufmerksamer, ausgeglichener und innerlich freier machen könnte?

Genau darin liegt für mich eine oft unterschätzte Kraft der Kunst.

Was habe ich eigentlich davon?

Es ist eine berechtigte Frage – und eine, die wir bei anderen Gewohnheiten ganz selbstverständlich beantworten: Dehnübungen halten Gelenke beweglich. Meditation fördert innere Ruhe. Ein Spaziergang bringt uns ins Gleichgewicht und versorgt uns mit frischer Luft. Beim Joggen werden wir körperlich fitter und erleben oft die wohltuende Wirkung der ausgeschütteten Glückshormone.

Doch was habe ich vom Zeichnen, Malen oder bildhauerischen Arbeiten?

Dabei wird oft übersehen, dass wir bei anderen Tätigkeiten ganz selbstverständlich zwischen Freizeitbeschäftigung und Höchstleistung unterscheiden. Nicht jeder Mensch, der joggt, strebt eine Teilnahme an den Olympischen Spielen an. Wer zur Freude Fußball spielt, landet nur selten im Profisport. Dennoch erkennen wir den gesundheitlichen und persönlichen Wert dieser Aktivitäten an.

Warum sollte das bei der Kunst anders sein?

Auch künstlerisches Arbeiten lebt von der Regelmäßigkeit des Tuns. Natürlich können Techniken und handwerkliche Fähigkeiten erlernt und verfeinert werden. Doch unabhängig vom Ergebnis wird dabei eine Fähigkeit geschult, die in unserer schnelllebigen Zeit besonders wertvoll ist: der Wille.

Nicht der Wille im Sinne von Härte oder Selbstdisziplin um jeden Preis – sondern als innere Kraft, die uns hilft, aufmerksam zu bleiben, Entscheidungen zu treffen und einen begonnenen Weg weiterzugehen.

Roberto Assagioli und die Schulung des Willens

Was mich an diesem Gedanken so fasziniert, hat einen Namen: Psychosynthese. Der italienische Psychiater Roberto Assagioli entwickelte diesen Ansatz im 20. Jahrhundert. Er versteht den Willen nicht als Unterdrückung von Bedürfnissen oder Impulsen, sondern als eine befreiende und ordnende Kraft. Der Wille hilft uns, unsere inneren Energien bewusst zu lenken, statt sie zu blockieren. In seinem Buch 

In Die Schulung des Willens beschreibt Assagioli verschiedene Entwicklungsstufen – und ich erlebe sie alle im Kunstschaffen wieder.

Der starke Wille

Mit ihm sind wir am vertrautesten. Er gibt uns die Energie und die Stoßkraft, um ein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die Grundlage dieser Willenskraft kann bereits im Kindesalter gebildet werden: wenn ich regelmäßig eine Aufgabe erledige – das Haustier versorge, eine Pflanze auf dem Fensterbrett pflege oder täglich auf meinem Instrument übe.

Im Kunstschaffen zeigt sich der starke Wille darin, dass ich mich überhaupt an den Tisch setze – ob in der meditativen Aquarellmalerei, beim Arbeiten mit Acrylfarben oder beim Plastizieren mit Ton. Es braucht Regelmäßigkeit und Rhythmus. Feste Zeiten helfen, wie bei der Meditation. Auch die Teilnahme an einer Gruppe oder einem Kurs stärkt diesen Antrieb spürbar.

Der geschickte Wille

Der geschickte Wille fragt nicht nur: "Schaffe ich es?" – sondern: "Wie erreiche ich mein Ziel am wirksamsten?" Welche Motivation treibt mich an? Habe ich eine klare Vorstellung? Wie kann ich mich so motivieren, dass die nächsten Schritte leichter werden?

Auch beim Schaffen selbst trainiere ich diesen Willen: Will ich zu viel, erwarte ich zu viel von mir, gerate ich leicht in eine gestalterische Sackgasse. Will ich zu wenig, finde ich nicht in die Komposition des Bildes. Beim Aquarellieren können die Farben davonfließen, wenn ich mit zu viel Wasser arbeite. Oder ich baue beim Plastizieren vorschnell Material auf und muss später mühsam korrigieren. Ich erlebe in meinen Gruppen immer wieder, wie Gemeinschaft, Wohlbefinden und die Freude am Ergebnis die Teilnehmenden über Jahre zum Malen motivieren – das ist geschickter Wille.

Der gute Wille

Beim guten Willen geht es um Ziele, die mit dem Wohlergehen anderer und dem allgemeinen Wohl im Einklang stehen. Im Kunstschaffen bedeutet das: Ich muss mich auf den Dialog mit meinem Werk einlassen. Was will hier entstehen? Was braucht dieses Bild, diese Form – jenseits meiner eigenen Vorstellungen?

Wenn ich intuitiv arbeite und nicht einem starren Plan folge, benötige ich dieses innere Zwiegespräch. Das Werk wird zum Gegenüber – zu einem 

Das Werk wird zum Gegenüber – zu einem Du. Ich lasse mich auf seinen Eigenwillen ein, bleibe verständnisvoll und einfühlsam statt egozentriert.

Der transpersonale Wille

Hier berühren wir die tiefste Ebene: die Sinnhaftigkeit unseres Lebens. Assagioli beschreibt Formen der Transzendenz – durch Liebe, durch Handeln, durch Schönheit und durch Selbstverwirklichung. In allen vereinigen sich Wille und Liebe.

Im Kunstschaffen erlebe ich das als Eingebung. In der Konzentration entsteht eine kontemplative Haltung. Wenn ich mich dem Entstehungsprozess hingebe, mich von den Gesetzen der Komposition leiten lasse und achtsam im Dialog mit dem bleibe, was entstehen will – dann erfahre ich etwas, das sich mit Transzendenz beschreiben lässt. Im vollendeten Werk finde ich meine Selbstverwirklichung. Das alles ist universeller Wille.

Kunstschaffen als Willenstraining

Wenn wir uns auf diesen Prozess einlassen, kann daraus eine tiefe Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit entstehen. Wenn uns ein Werk gelingt, mit dem wir uns verbunden fühlen, erleben wir Freude, Stolz und innere Erfüllung. Solche positiven Erfahrungen fördern unser Wohlbefinden und schenken uns neue Energie.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung künstlerischen Schaffens: nicht allein in dem, was entsteht, sondern in dem Menschen, der wir während des Schaffens werden.

Wir üben Aufmerksamkeit. Wir üben Geduld. Wir lernen, mit Unsicherheit umzugehen, Entscheidungen zu treffen, Fehler zu korrigieren und Vertrauen in den Prozess zu entwickeln. Wir stärken unseren Willen, ohne ihn zu verhärten.

So wird Kunst zu mehr als einer Freizeitbeschäftigung. Sie wird zu einem Weg der persönlichen Entwicklung – und zu einer Quelle von Lebendigkeit, innerer Freiheit und Freude.

Ist das nicht wunderbar?

Möchten Sie selbst erleben, was regelmäßiges Kunstschaffen bewirkt?

In meinen Kursen und Gruppen im Atelier Sinneswerk begleite ich Sie auf diesem Weg – ob als Einstieg oder als regelmäßige Praxis. Schauen Sie gerne auf meine Kursseite oder schreiben Sie mir: Ich freue mich, von Ihnen zu hören.

www.atelier-sinneswerk.de

Literatur: Roberto Assagioli, Die Schulung des Willens, Methoden der Psychotherapie und der Selbsttherapie - Junfermann-Verlag

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